DANKESREDE
- Felicia Cramer
- 14. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Dankesrede an mich selbst
(gehalten zwischen Kirche, Kiosk und Engelschor)
Ich möchte heute Danke sagen.
Nicht auf einer Bühne.
Nicht mit Applaus.
Sondern hier.
Zwischen Stein, Staub und Überleben.
Ich danke mir.
Ich danke mir dafür,
dass ich geblieben bin,
als Gehen einfacher gewesen wäre.
Dafür,
dass ich vier Monate ohne Auto
in den Bergen gesessen habe
und trotzdem jeden Tag weitergegangen bin.
Zu Fuß.
Mit Taschen.
Mit Gedanken.
Mit Hoffnung.
Ich danke mir dafür,
dass ich nicht aufgegeben habe,
als mein Leben plötzlich
auf einen Kiosk zusammenschrumpfte.
⸻
Ich danke diesem Kiosk.
Dem Minimarkt gegenüber der Kirche.
Dem Ort,
an dem Brot, Wasser
und philosophische Gespräche
gleich viel wert waren.
Ich danke dem Mann hinter der Theke,
der eigentlich ein Priester ist,
nur ohne Kutte.
Der zuhört,
wenn niemand sonst zuhört.
Der bleibt,
wenn andere weitergehen.
Ich danke diesem Kiosk dafür,
dass er mein Überleben gesichert hat.
Ganz real.
Ganz bodenständig.
Mit Warenregalen
und einem stillen Verständnis.
⸻
Ich danke der Kirche gegenüber.
Nicht für Antworten.
Sondern für das Warten.
Für die Bank davor.
Für den Hocker.
Für die Momente,
in denen ich da saß
und dachte:
Kommt heute jemand vorbei?
Kommt ein Mensch?
Oder ein Engel?
Manchmal kam niemand.
Manchmal kam beides.
⸻
Ich danke mir dafür,
dass ich meine Würde nicht verkauft habe,
sondern sie hinterlegt habe.
Eine Goldkette.
Mit Diamanten.
Nicht als Schmuck.
Sondern als Vertrauen.
Ein Versprechen an mich selbst:
Ich komme sie wieder abholen.
Und ich habe Wort gehalten.
⸻
Ich danke meiner Familie.
Für das, was sie geben konnte.
Und auch für das,
was sie nicht geben konnte.
Ich danke meinen Freunden.
Den stillen.
Den lauten.
Den zeitweisen.
Und denen,
die einfach nur da waren.
⸻
Und ja.
Ich danke meinen Ex-Freunden.
Allen.
Denen,
denen ich Liebe gegeben habe.
Zeit.
Kraft.
Ideen.
Licht.
Auch wenn nichts zurückkam.
Oder nur wenig.
Oder zu spät.
Ich danke ihnen,
weil sie mich gezwungen haben,
zu lernen,
mich selbst nicht zu verlassen.
⸻
Ich danke mir dafür,
dass ich weitergemacht habe,
als mein Leben
für andere absurd aussah.
Dass ich Märchen geschrieben habe,
als die Welt nach Erklärungen schrie.
Dass ich aus heiliger Scheiße
Gold gemacht habe.
Nicht metaphorisch.
Ganz real.
⸻
Ich danke mir für meine Ausdauer.
Für meinen Humor.
Für mein Lachen
mitten im Chaos.
Für die Fähigkeit,
ein heroisches Engelschor-Video
über einen Kiosk zu legen
und es ernst zu meinen.
Weil Würde nicht laut sein muss.
Aber echt.
⸻
Und jetzt,
zum Schluss,
sage ich das Wichtigste:
Ich danke mir dafür,
dass ich noch hier bin.
Dass ich nicht zerbrochen bin.
Nicht verbittert.
Nicht hart.
Dass ich aus allem,
was war,
Living Eden erschaffen habe.
Nicht als Dankeschuld.
Sondern als Geschenk.
Für mich.
Und für euch.
⸻
Danke.





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